Archive - September 2018

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Zuckerstoffwechsel steuert Darm-Regeneration
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Live-Webinar-Reihe: ADHS im Erwachsenenalter
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Teuer und sinnlos: DGVS rät von Stuhltests zur Analyse des Darm-Mikrobioms ab.
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DMP Typ-1-Diabetes: Institut empfiehlt Überarbeitung
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Schluckstörung nach Schlaganfall: Studie zeigt neue Option für schwer betroffene Patienten
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AWMF fordert unabhängige Finanzierung von hochwertigen medizinischen Leitlinien

Zuckerstoffwechsel steuert Darm-Regeneration

Eine überraschende Verbindung zwischen Zuckerstoffwechsel und Anpassung des Darmgewebes an den Ernährungszustand entdeckten Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums und der Universität Heidelberg.

Kein anderes Gewebe unseres Körpers weist eine so hohe Rate an Zellerneuerung auf wie der Darm. Da das Darmgewebe hohen Energiebedarf hat, ist es für den Organismus wichtig, das Volumen und die Struktur des Darmgewebes an wechselnde Nährstoffangebote anzupassen. Ist diese Regulation gestört, kann Darmkrebs entstehen oder es kann zu einem Schwund der Darmschleimhaut, einer so genannten Darm-Atrophie kommen.

Für die kontrollierte Erneuerung des Darmgewebes sind Darm-Stammzellen zuständig. Wenn nicht genügend Nährstoffe vorhanden sind, teilen sich die Stammzellen langsam und der Darm schrumpft. Eine günstige Ernährungslage kurbelt die Stammzellteilung an und der Darm erholt sich wieder zu seiner normalen Größe. Bislang existierten jedoch nur wenige Ergebnisse darüber, wie diese Anpassung auf molekularer Ebene reguliert wird.

Das Team um Michael Boutros vom Deutschen Krebsforschungszentrum und der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg hat dies nun in Kooperation mit Kollegen von der Universität Helsinki am Darm der Fruchtfliege Drosophila melanogaster untersucht. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass die Darm-Stammzellen einen zelleigenen Zucker-Biosyntheseweg nutzen, um die Rate ihrer Zellteilungen zu kontrollieren.

Eine hohe Syntheserate von Glukosamin, einem Traubenzucker-Derivat, signalisiert den Stammzellen, sich zu teilen und Zell-Nachschub zu bilden. Werden die Fliegen mit einem Glukosamin-Derivat (N-Acetyl-Glukosamin) gefüttert, proliferierten die Darm-Stammzellen unabhängig von einer ansonsten schlechten Ernährungssituation. Blockierten die Forscher dagegen die Biosynthese von N-Acetyl-Glukosamin genetisch, konnte selbst ein hoher Nährstoffgehalt die Teilungsrate der Darm-Stammzellen nicht ankurbeln. Glukosamin verbesserte außerdem die Reaktionsfähigkeit der Stammzelle auf Insulin, einem zentralen Signalmolekül für den Nährstoffstatus des Organismus.

„Der Biosyntheseweg für Glukosamin war bisher nicht als Modulator der Stammzellen im Darm bekannt. Wir haben hier eine überraschende Verbindung zwischen dem Zuckerstoffwechsel und der Anpassung des Darms an verschiedene Ernährungsbedingungen entdeckt“, sagt Michael Boutros. Sollte N-Acetyl-D-Glukosamin auch in Darmzellen des Menschen eine vergleichbare Rolle spielen, könnten die aktuellen Ergebnisse auch medizinische Bedeutung gewinnen. „Ob dies jedoch tatsächlich so beim Menschen funktioniert, muss zunächst noch sorgfältig geprüft werden“, gibt Boutros zu bedenken.

Quelle:
Jaakko Mattila, Krista Kooki, Ville Hietakangas und Michael Boutros: Stem cell intrinsic hexosamine metabolism regulates intestinal adaptation to nutrient content.
Developmental Cell 2018, DOI: 10.1016/j.devcel.2018.08.011

Live-Webinar-Reihe: ADHS im Erwachsenenalter

CME Fortbildung für Ärzte

Etwa 30 – 50% der von einer Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) betroffenen Kinder zeigen auch später im Erwachsenenalter deutliche Symptome, die sie in ihrer Lebensgestaltung erheblich beinträchtigen. Allerdings erfolgt meist ein Symptomshift, d.h., dass sich die ursprünglichen Symptome der ADHS im Kindesalter verändern: Erwachsene ADHS-ler leiden häufig unter Angststörungen und Depressionen, neigen eher zu riskantem Verhalten und es besteht ein hohes Risiko für eine spätere Suchtentwicklung.

Die Rhein-Jura-Klinik Bad Säckingen führt gemeinsam mit Medcram hierzu eine Online-Fortbildung durch. Dazu werden in 2 Webinarblöcken zu je 90 Minuten von einem erfahrenen Mediziner praktische Grundlagen zur Diagnostik unter besonderer Berücksichtigung der komorbiden Störungen vermittelt sowie eine vertiefte Diagnostik unter Berücksichtigung der aktuellen S3-Leitlinien, und im zweiten Teil die multimodale Therapie der ADHS unter der Prämisse, dass Ihnen in Klinik und Praxis sehr selten ADHS im Erwachsenenalter als singuläre Störung begegnet.

Die Fortbildung ist kostenfrei und findet live als Webinar an zwei festen Terminen statt. Sie richtet sich an Hausärzte und andere interessierte Kollegen. Auch andere Fachgruppen sowie Apotheker können teilnehmen.

Referent: Dr. med. Rolf Peters, Rhein-Jura-Klinik, FA f. Psychosomatische Medizin & Psychotherapie, FA f. Psychiatrie & Psychotherapie

Termine:

ADHS Live-Webinar Teil 1 (4 CME): 09. Oktober 2018, 19:00 – 20:30 Uhr, Diagnostik und Differentialdiagnostik, S3-Leitlinie   zur CME Fortbildung

ADHS Live-Webinar Teil 2 (4 CME): 23.Oktober 2018, 19:00 – 20:30 Uhr, Multimodale Therapie der ADHS   zur CME Fortbildung

Zum Nachlesen: S3-Leitlinie “Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“ unter www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-045.html

Die Webinare sind kostenfrei und mit je 4 CME akkreditiert (beantragt bei der BLÄK). Für die Teilnahme ist eine einmalige, kostenfreie Registrierung auf www.medcram.de nötig.

Technische Voraussetzung: PC/Mac-Computer mit Lautsprecher/Headset, aktuellem Webbrowser und stabiler Internet-Verbindung.

Teuer und sinnlos: DGVS rät von Stuhltests zur Analyse des Darm-Mikrobioms ab.

Das Darm-Mikrobiom ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Wissenschaft geraten. Auch in der Öffentlichkeit stößt die Thematik auf großes Interesse. Denn immer mehr Untersuchungen zeigen, dass die Millionen Mikroorganismen, die unseren Darm besiedeln, nicht nur unverzichtbare Dienste bei der Verdauung und Verwertung der Nahrung leisten, sondern die Zusammensetzung dieser Mikroorganismen auch eine Rolle bei der Entstehung verschiedenster Erkrankungen – von Herz-Kreislauf-Leiden, psychischen Störungen bis hin zu Lebererkrankungen und Adipositas – spielt. Einige Hersteller und Labore bieten deshalb Untersuchungen von Stuhlproben zur „Analyse“ der Darmflora an und leiten aus den Ergebnissen Ernährungs- und Handlungsempfehlungen ab. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) rät davon ab, Stuhltests zur Untersuchung des Mikrobioms zu nutzen. Diesen fehle derzeit die wissenschaftliche Grundlage, so die Experten der Fachgesellschaft. Stuhltests haben in vielen Bereichen der Gastroenterologie ihren festen Platz: Etwa in der Darmkrebsvorsorge, wo mit dem IFOB-Test verstecktes Blut im Stuhl aufgespürt wird. Auch die DNA von Darmbakterien lässt sich aus dem Stuhl isolieren und analysieren – dies kommt beispielsweise bei der Diagnostik einzelner pathogener Erreger wie Clostridium difficile zum Einsatz. „Eine Analyse des gesamten Spektrums der Mikroorganismen im Darm ist allerdings weitgehend sinnlos, da die Zusammensetzung des Mikrobioms und eventuelle Krankheitssymptome nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben“, sagt Professor Dr. med. Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I des Kieler Universitätsklinikums. „Die Mikrobiom-Forschung steht noch relativ am Anfang: Welche Korrelationen bestehen und wie sie sich im Einzelfall auswirken, ist derzeit noch nicht ausreichend bekannt. Darüber hinaus liefert die Analytik auch noch keine konsistenten Ergebnisse, die zwischen verschiedenen Laboren vergleichbar wären.“

Die bakterielle Zusammensetzung der Darmflora kann individuell höchst unterschiedlich ausfallen und ist zudem ständig kurzzeitigen Schwankungen unterworfen, etwa durch die Einnahme von Medikamenten, durch bestimmte Nahrungsmittel oder auf Reisen. „Aus bakteriellen Verschiebungen, die sich in solchen Stuhltests möglicherweise zeigen, lässt sich deshalb noch lange kein krankhafter Zustand oder ein Zusammenhang mit einer chronischen Erkrankung herleiten“, so Schreiber. Dennoch würden aus den Ergebnissen von Darmflora-Stuhltests oft Ernährungsempfehlungen abgeleitet, die die Lebensqualität des Patienten einschränken und im schlimmsten Fall sogar zu einer Mangelernährung führen könnten. Die Kosten für solche Tests, die mitunter mehrere hunderte oder tausende Euro betragen, werden von den Krankenkassen regelmäßig nicht übernommen. Oft werden diese Tests im Internet, manchmal auch als sogenannte IGeL, individuelle Gesundheitsleistungen, beim Arzt angeboten. „Die Erkenntnisse, die wir in den letzten Jahren über das Mikrobiom gewonnen haben, zeigen, dass in seiner Erforschung ein riesiges Potenzial liegt“, ist Professor Dr. med. Christian Trautwein, Direktor der Medizinischen Klinik III der RWTH Aachen und Mediensprecher der DGVS, überzeugt. Die genauen Zusammenhänge zwischen Ernährung, Mikrobiom, Darmgesundheit und dem Zustand anderer Organe seien bislang jedoch nur unzureichend verstanden. Vor allem die mit dem Mikrobiom in Verbindung gebrachten molekularen Prozesse, die zur Entstehung so unterschiedlicher Krankheiten wie Entzündungen, Leberzirrhosen, Krebserkrankungen oder koronarer Herzkrankheit beitragen, müssten genauer erforscht werden. „Um die wissenschaftlichen Bemühungen in der Mikrobiom- und Genomforschung stärker zu bündeln, plädiert die DGVS deshalb für die Einrichtung eines Deutschen Zentrums für Gastroenterologische Gesundheit“, so Professor Trautwein. Dieses soll die bestehenden Gastro-Zentren in Deutschland vernetzen und so die Entwicklung von Präventions-, Früherkennungs- und Behandlungsstrategien erleichtern.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS)

Weitere Informationen hierzu finden Interessierte unter https://www.dgvs.de/wp-content/uploads/2018/07/DGVS_PositionspapierStand-19.07.2018.pdf

DMP Typ-1-Diabetes: Institut empfiehlt Überarbeitung

Um sie an den Stand des medizinischen Wissens anzupassen, sollen Disease-Management-Programme (DMPs) in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden. Inhaltliche Vorgaben zu den DMPs sind in einer Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) verankert und finden bundesweit Anwendung. Im Auftrag des G-BA hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) deshalb aktuelle evidenzbasierte Leitlinien zu Diabetes mellitus Typ 1 recherchiert, deren Empfehlungen zu Kernaussagen zusammengefasst und überprüft, ob sich aus ihnen ein Überarbeitungsbedarf für das DMP ergibt.

Laut Abschlussbericht ist das insbesondere in Hinblick auf das Vermeiden von Unterzuckerungen mithilfe moderner Technologien und bei Patienten-Schulungen der Fall. Im Vorbericht hatten diese Themen weniger im Vordergrund gestanden. Das liegt vor allem daran, dass das Institut neue Leitlinien in seine abschließende Bewertung einschließen konnte.

Bei allen Versorgungsaspekten Aktualisierung empfohlen

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten nun insgesamt 37 Leitlinien in ihre Analyse einbeziehen, beim Vorbericht waren es noch 32 gewesen. Und bei einer Reihe von Leitlinien stand ihnen nun eine aktuellere Version zur Verfügung. Aus den 37 Leitlinien extrahierten sie insgesamt 2817 Empfehlungen. Diese beziehen sich auf verschiedenste Versorgungsaspekte, wie Diagnostik, Therapie oder die Kooperation der beteiligten Berufsgruppen. Inhaltlich überprüft hat das Institut die Empfehlungen nicht.

Technische Hilfsmittel können Blutzuckerregulierung unterstützen

Wie das Institut beim Abgleich von Leitlinien-Empfehlungen und Richtlinie konstatiert, könnten die Inhalte aller Versorgungsaspekte des DMPs Typ-1-Diabetes aktualisiert werden („potenzieller Aktualisierungsbedarf“). Geboten ist eine Überarbeitung aber unter anderem beim Vermeiden einer Unterzuckerung (Hypoglykämie). Denn dies ist mittlerweile auch bei Typ-1-Diabetes ein wichtiges Ziel der Behandlung.

Inzwischen gibt es eine ganze Reihe moderner technischer Hilfsmittel, die Patientinnen und Patienten dabei unterstützen, den Blutzuckerspiegel zu regulieren. Immer häufiger eingesetzt wird etwa das kontinuierliche Glukose-Monitoring (CGM), bei dem Sensor-Elektroden unter der Haut platziert werden. Einige Geräte bieten eine Alarmfunktion, die eine drohende Unterzuckerung anzeigt. Kombiniert man die CGM mit der Insulinpumpe, kann die Insulingabe automatisch gestoppt oder gedrosselt werden, was unter anderem nächtliche Unterzuckerungen vermeiden helfen soll. In den für den Abschlussbericht ausgewerteten neuen Leitlinien werden diese Technologien aufgegriffen, im DMP fehlen sie jedoch.

Patienten sollten Kenntnisse in Schulungen auffrischen können

Die DMP-Richtlinie macht für Patienten-Schulungen bisher nur wenige inhaltliche und zeitliche Vorgaben. Laut neueren Leitlinien können Wiederholungsschulungen beispielsweise als Refresh- oder Ergänzungsschulungen aber die Betroffenen im Alltag unterstützen, etwa wenn sie Schwierigkeiten haben, die Therapie-Empfehlungen im Alltag umzusetzen.

Nicht nur Rauchverzicht ist bei Typ-1-Diabetes von Bedeutung

Im DMP gibt es seit langem ein Kapitel „Raucherberatung“. Tatsächlich gibt es in den Leitlinien aber mittlerweile eine ganze Reihe von Empfehlungen, die als „gesunde Lebensweise“ umschrieben werden können. Dabei geht es nicht nur um Tabak- und Alkoholkonsum, sondern auch um Ernährung und Bewegung. Das Institut empfiehlt, diese Empfehlungen unter einem Gliederungspunkt „Lebensstilmanagement“ zu bündeln und inhaltlich zu erweitern.

Relevanz von Insulinanaloga in Leitlinien gestiegen

Diskrepante Aussagen stellt das Institut in Hinblick auf die Art des Insulins fest, das Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes spritzen. Denn während das DMP von Humaninsulin als „Mittel der Wahl“ ausgeht, betrachten die neuen Leitlinien Insulinanaloga inzwischen als gleichwertig.

Bei diesen vier Aspekten, also neue Technologien, Patienten-Schulungen, Lebensstilmanagement und Insulinanaloga, schätzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Überarbeitungsbedarf im Abschlussbericht höher ein als noch im Vorbericht.

Quelle:
Dr. Anna-Sabine Ernst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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Schluckstörung nach Schlaganfall: Studie zeigt neue Option für schwer betroffene Patienten

Bei Patienten, die nach einem Schlaganfall unter Schluckstörungen leiden, bildet sich die schlaganfallbedingte Dysphagie deutlich rascher zurück, wenn sie eine pharyngeale elektrische Stimulation (PES) erhalten. Das bestätigt eine in „The Lancet Neurology“ veröffentlichte multizentrische Interventionsstudie. „Die PES stellt damit für diese schwerstkranken Patienten eine echte Therapieoption dar“, berichtet Studienleiter Prof. Dr. Rainer Dziewas, Leiter der Sektion Schlaganfall-Therapie an der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Münster (UKM). Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), die Deutsche Schlaganfall Gesellschaft (DSG) und die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) bieten ganzjährig an verschiedenen Zentren sowie während der Neurowoche 2018 vom 30. Oktober bis 1. November in Berlin Fortbildungskurse für die flexible endoskopische Evaluation des Schluckaktes (FEES) an.

Rund 12,5 Prozent aller in ein Krankenhaus eingelieferten Schlaganfallpatienten werden künstlich beatmet und bei 16,3 Prozent muss eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) durchgeführt werden. In der Rehabilitation dieser Patienten ist die sichere Entfernung der Trachealkanüle ein wichtiges Ziel, um das Risiko von Atemwegskomplikationen und fatalen Krankheitsverläufen zu verringern und die Länge des Krankenhausaufenthalts zu verkürzen. Eine fortbestehende, durch den Schlaganfall verursachte Dysphagie (Schluckstörung) ist in diesem Szenario der Hauptgrund, warum die Entwöhnung von der Trachealkanüle häufig nur sehr langsam oder überhaupt nicht gelingt. Zur Reaktivierung des Schlucknetzwerkes steht seit einigen Jahren mit der sogenannten pharyngealen elektrischen Stimulation (PES) eine innovative Neurostimulationstherapie zur Verfügung.

Studie: PES reaktiviert erfolgreich das Schlucknetzwerk
Die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Lancet Neurology veröffentlichte multizentrische Interventionsstudie PHAST-TRAC verglich die PES bei tracheotomierten Schlaganfallpatienten mit einer Scheintherapie. Bei Patienten, die eine PES erhielten, bildete sich die schlaganfallbedingte Dysphagie deutlich rascher zurück. Deshalb konnte auch die Trachealkanüle bei signifikant mehr Patienten unmittelbar nach der Stimulationstherapie entfernt werden (49 versus 9 Prozent). Darüber hinaus war der Krankenhausaufenthalt der Patienten, die auf die PES-Behandlung ansprachen, durchschnittlich um 22 Tage kürzer als bei Patienten, die kein Therapieansprechen zeigten. Die Studie wurde vom Hersteller finanziert. „Die PES ist für tracheotomierte Schlaganfallpatienten nicht nur ein Riesengewinn, weil die Trachealkanüle schneller entfernt werden kann und der Krankenhausaufenthalt sich signifikant verkürzt, sondern auch, weil so das Risiko von Folgekomplikationen reduziert wird“, sagt Professor Dr. Peter Berlit, DGN-Generalsekretär und ehemaliger Chefarzt der Klinik für Neurologie am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen.

PES ist für schwerstkranke Patienten eine echte Therapieoption
„Neben diesen eindeutigen Effekten war insbesondere auch erfreulich, dass die Stimulationstherapie in PHAST-TRAC keine schwerwiegenden Nebenwirkungen mit sich brachte. Die PES stellt damit für diese schwerstkranken Patienten eine echte Therapieoption dar“, berichtet der Leiter der Studie, Prof. Dr. Rainer Dziewas von der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Münster (UKM). „Die gesamte Entwicklung der PES von den vielfältigen Grundlagenstudien, die ja zum Teil noch aus dem letzten Jahrtausend datieren, über die wichtigen klinische Pilotprojekte bis hin zu der nun positiv abgeschlossenen Multicenterstudie stellt ein Paradebeispiel für die translationale klinische Forschung dar“, freut sich Prof. Dr. Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie des UKM.

Bei der PES wird eine dünne Sonde über die Nase in die Speiseröhre eingeführt. Diese Sonde ist mit einem Paar Ringelektroden bestückt, über die die Rachenhinterwand elektrisch stimuliert werden kann. Dies geschieht an drei aufeinanderfolgenden Tagen für jeweils zehn Minuten. Physiologisch wirkt diese Stimulationstherapie, indem sie die sensiblen Leitungsbahnen, die das Schlucken steuern helfen, aktiviert und so das komplex strukturierte Schlucknetzwerk moduliert und neuronale Reorganisation induziert.

Neurowoche 2018: DGN veranstaltet FEES-Basiskurs
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat in Zusammenarbeit mit der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft (DSG) und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ein Curriculum für die flexible endoskopische Evaluation des Schlussaktes (FEES) erarbeitet, um die Ausbildung in der endoskopischen Dysphagiediagnostik zu optimieren und zu formalisieren. FEES-Basiskurse werden regelmäßig im ganzen Bundesgebiet angeboten – auch auf der Neurowoche 2018 in Berlin: Vom 30. Oktober bis 1. November 2018 veranstaltet die DGN unter Vorsitz von Professor Dr. Rainer Dziewas ein dreitägiges FEES-Basisseminar. Plätze sind noch frei, Teilnehmer sind von den Kongressgebühren befreit.

Quelle:

Dziewas R. et al. Pharyngeal electrical stimulation for early decannulation in tracheotomised patients with neurogenic dysphagia after stroke (PHAST-TRAC): a prospective, single-blinded, randomised trial. Lancet Neurol 2018; online veröffentlicht am 28. August 2018.

 

CME Fortbildung zum Thema  

Dysphagie und Mangelernährung bei neurologischen Erkrankungen“ mit den Themen Definition und Klassifikation, Versorgungssituation der Patienten mit Dysphagie und Mangelernährung.
SCREENING-INSTRUMENTE UND APPARATIVE DIAGNOSTIK BEI DYSPHAGIE (2017)

AWMF fordert unabhängige Finanzierung von hochwertigen medizinischen Leitlinien

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e.V. fordert seit vielen Jahren eine nachhaltige, unabhängige Finanzierung für hochwertige interdisziplinäre, evidenzbasierte Leitlinien. Die AWMF sieht im Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), der auch nach 2019 mit einem Budget von 200 Mio. Euro pro Jahr fortgesetzt wird, die geeignete Struktur, um eine solche Förderung sinnvoll und effizient umzusetzen. Der Innovationsfonds fördert Projekte, die helfen, die Gesundheitsversorgung in Deutschland zu verbessern. Diesen Zweck erfüllen
die AWMF-Leitlinien seit vielen Jahren. Doch nur mit einer unabhängigen Finanzierung kann die methodisch aufwändige Arbeit der Fachgesellschaften in der AWMF an hochwertigen Leitlinien künftig aufrechterhalten und weiterentwickelt werden.

Die Leitlinien der medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften sind die wesentliche Wissensgrundlage im deutschen Gesundheitssystem. Sie sind die Basis für medizinische Entscheidungen zum Wohle des Patienten sowie Grundlage für die medizinische Fortbildung und Qualitätssicherung. Außerdem unterstützen sie die Versorgungsforschung und helfen, unbearbeitete Forschungsfelder zu identifizieren. Seit über 20 Jahren entwickeln die in der AWMF vernetzten Fachgesellschaften diese unabhängigen wissenschaftlichen Leitlinien. Deren Qualität hat sich kontinuierlich verbessert. Immer mehr Leitlinien weisen mittlerweile die höchste Klasse S3 aus. Doch die Entwicklung von Leitlinien ist aufwändig und kostenintensiv: Je höher deren methodische Qualität, umso höher werden auch die Aufwände, die Leitlinien zu erstellen und aktuell zu halten. Die Fachgesellschaften stemmen diese Finanzierung bislang alleine. Die Entwicklung der Leitlinien erfolgt ehrenamtlich durch die Mitglieder der Leitlinien-Gruppe.

Erhebliche Kosten entstehen beispielsweise für Literaturrecherchen und Evidenzbewertungen, die Nutzung von Datenbanken, Treffen der Leitliniengruppe und öffentliche Konsultationsverfahren. „Fachgesellschaften stoßen bei den stetig steigenden Qualitätsanforderungen und dem kontinuierlichen Verbesserungsprozess, der notwendig ist, um mit dem aktuellen medizinischen Wissensstand Schritt zu halten, an ihre Grenzen“, betont AWMF-Präsident Professor Dr. med. Rolf Kreienberg. „Um künftig die hohe Qualität zu halten und noch mehr Leitlinien der Klasse S3 entwickeln zu können, wird für die Leitlinien-Arbeit eine unabhängige Finanzierung benötigt“, ergänzt Professor Dr. med. Ina B. Kopp, Leiterin des AWMF-Instituts für Medizinisches Wissensmanagement (AWMF-IMWi). Nur so ließen sich die internationalen Qualitätsstandards einschließlich redaktioneller Unabhängigkeit bewahren. „Leitlinien definieren den Goldstandard der Versorgung. Davon profitiert das gesamte Gesundheitssystem. Es wäre daher naheliegend, wenn sie künftig über den Innovationsfonds des G-BA finanziert werden“, so Professor Kopp. Durch eine solche Finanzierung ließen sich auch offene Themen oder neue Herausforderungen angehen. So wäre es beispielsweise wichtig, mehr Leitlinien mit ihren verlässlichen Informationen den Bürgerinnen und Bürgern in einer verständlichen Sprache zugänglich zu machen. Außerdem müssten die Bedürfnisse spezieller Bevölkerungsgruppen wie die von Kindern, alten Menschen oder Patienten mit mehreren Erkrankungen besser in Leitlinien abgebildet werden. Um Leitlinien noch unmittelbarer in den Versorgungsalltag zu integrieren, wäre zudem deren Digitalisierung notwendig. Die AWMF unterstützt die Leitlinienentwicklung der Fachgesellschaften durch methodische Hilfen und Beratung.

Außerdem sichert sie deren Qualität, indem neue Leitlinien-Projekte für das Leitlinien-Register der AWMF angemeldet werden müssen und von der AWMF geprüft werden. Eine unabhängige Finanzierung und der transparente Umgang mit Interessenkonflikten der Leitlinien-Autoren sind dabei Grundvoraussetzung für die Aufnahme in das AWMF-Register. Zudem werden entsprechend internationaler Standards weitere Kriterien der systematischen Entwicklung geprüft und die Leitlinien entsprechend klassifiziert, von S1 bis S3. S3 stellt die „Königsklasse“ höchster methodischer Qualität dar. „Die Qualitätssicherung durch die AWMF hat sich bewährt. Sie ist auch bereits in anderen Förderprogrammen, die auf höchste Leitlinienqualität – S3- setzen hilfreich und erfolgreich“ erläutert Professor Kreienberg und nennt dazu das Programm für Nationale Versorgungsleitlinien von AWMF, Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung sowie das Leitlinienprogramm Onkologie von AWMF, Deutscher Krebsgesellschaft und Deutscher Krebshilfe.Die bestehenden Programme finanzieren jedoch nur einen Bruchteil der heutigen S3-Leitlinien und reichen nicht aus, um die bestehenden Qualitätsstandards vieler S3-Leitlinien zu halten oder neue Herausforderungen anzugehen“, ergänzt Professor Kopp. Bei einer Finanzierung durch den Innovationsfonds würden die AWMF und ihre Fachgesellschaften unverändert für die Qualitätssicherung der Leitlinien garantieren. „Die AWMF und ihre Mitgliedsgesellschaften haben in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass sie das können“, so Professor Kreienberg. „Alle in unserem Gesundheitssystem verlassen sich darauf, dass es qualitätsgesicherte, hochwertige Leitlinien gibt, die kontinuierlich weiterentwickelt und aktuell gehalten werden“, so der AWMF-Präsident, „dann ist es auch notwendig, dass Gelder des Gemeinwesens in deren Entwicklung fließen.“

 

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